Verrückt nach Wolken

Die Mitglieder der „Cloud Appreciation Society“ sehen in Wolken Quellen der Inspiration, Kunstgebilde aus Wassermolekülen, Bücher am Firmament. Sieben Fans erzählen, warum sie Wolken anhimmeln.

Text: karin herczog

fotos: Mitglieder und Freunde der CAS

Verein: Cloud Appreciation Society (CAS)


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Der Segelflieger

Das Wetter mit all seinen Himmelserscheinungen fasziniert mich, seit ich 14 bin. Damals, vor über 40 Jahren, fing ich mit dem Segelfliegen an – eine Obsession, die mich nicht mehr losgelassen hat. Zu Wolken habe ich seither eine besondere Beziehung. Denn jede einzelne verrät etwas über die Atmosphäre, ihre Schichtung, Feuchtigkeitsverteilung, kurzfristige Wetteränderungen und darüber, wo Aufwinde locken oder Abwinde lauern. Meine Lieblingswolke ist die „Altocumulus lenticularis“, „die Linsenwolke“. Als typische Föhnwolke entsteht sie, wenn Wind über einen Berg strömt und die Luft dahinter auf- und abschwingt. Die Linsenwolken bleiben in der aufsteigenden Luft scheinbar stehen, können dabei viele Stockwerke bilden und etliche tausend Meter hoch werden. Vor ihnen kann man mit dem Segelflugzeug und etwas Glück auf große Höhen von über zehn Kilometern steigen! Daher meine Begeisterung für diese Wolkenformation. Aber auch als Naturliebhaber und Fotograf zieht mich die Schönheit und Vielfalt der Wolken in ihren Bann. Jede ist einzigartig, verändert sich ständig und löst sich nach kurzer Zeit im wahrsten Sinne des Wortes wieder in Luft auf. Von der Existenz der CAS habe ich zufällig erfahren. Seit drei Jahren freue ich mich jetzt als Mitglied über die täglichen Wolken-Mails mit wissenschaftlichen Erklärungen oder poetischen Zitaten.

Frieder Wolfart, Zürich/Schweiz, Mitglied 42.997

Die Meteorologin

Wolken zogen mich schon als kleines Kind magisch an. Ich liebte Gewitter, verschlang Dokumentationen über Sturmjäger und entschied, eines Tages mit dem Wetter zu arbeiten. Tatsächlich habe ich später Meteorologie und Ozeanografie studiert und arbeite heute als Meteorologin, spezialisiert auf Wettervorhersagen für die Luftfahrt. Ich werde also dafür bezahlt, Wolken zu beobachten – für mich der beste Job der Welt! Denn Wolken sind wunderschön, jede ist komplett einzigartig. Wer liebt es nicht, vertraute Formen und Figuren in ihnen zu entdecken? Ich habe immer gesagt: „Egal wo auf der Welt du bist, schau einfach in den Himmel, und du kannst überall sein, wo du sein willst.“ Meine Lieblingswolke ist „Cirrocumulus“, denn sie bildet die feinsten Muster am Himmel. Dass sie selten zu sehen ist, macht sie noch besonderer. Mein zweiter Favorit ist die Linsenwolke, die ich, da ich nahe einer Hügelkette lebe, zum Glück recht oft sehe. Mein Foto vereint beides und zeigt eine Cirrocumulus lenticularis an einem Oktobertag über Lossiemouth in Schottland: Das viele Wasser in der Troposphäre wird sichtbar, wenn die Luft aufsteigt, kondensiert und Wolken bildet. An diesem Tag wurde die Luft so über die Berge geschoben, dass sich in Windrichtung Leewellen bildeten. In aufsteigender Luft entstehen Wellenrollen und die Windtäler offenbaren sich als Lücken blauen Himmels. Zur CAS kam ich als Studentin, das Buch „The Cloud Spotters Guide“ von Gavin, dem Gründer der CAS, kannte ich schon davor. Und als absolute Liebhaberin von Wolken erschien es mir nur natürlich, einer Gemeinschaft Gleichgesinnter beizutreten.

Melyssa Wright, York/UK, Mitglied 23.652

Die Gewittermalerin

Als Wandmalerin bin ich spezialisiert auf figürliche Themen, Himmel und Wolken. Mein Arbeitsplatz ist ein Atelier in Montmartre, Paris. Das Haus gegenüber habe ich kürzlich komplett als Gewitterwolke bemalt, seine Hausnummer 7 wird natürlich von einem Blitz geformt. Meine Deckenmalerei von Wolkenhimmeln ist ziemlich improvisiert und frei: Man weiß nie, welche Farben und Formen entstehen werden – ganz wie in der Realität. Am liebsten habe ich die Cumulonimbus, die Gewitterwolke mit allen Begleiterscheinungen wie Castellanus, Mammatus, Ambos und so weiter. Von klein auf bewundere ich Gewitter und bin einer Meinung mit Heraklit: „Das Weltall aber steuert der Blitz.“ Die elektrische Ladungsumkehr, von Aufladung bis Entladung, ist ein universales Prinzip, das ich beim Malen nachvollziehe. Leider haben Gewitter heute einen schlechten Ruf – wegen der Schäden und weil die vielen, aus den Wolken lesbaren Vorzeichen aus Unkenntnis übersehen werden. Früher dagegen wurden sie als „Gott“-Manifestationen hoch geachtet. Schade, dass sich meine Kunden meistens heiter-blaue, also langweilige Himmel wünschen. Wobei ich nicht verhindern kann, dass in meinen Bildern trotzdem stets Anzeichen von Gewitterstimmung auftreten … Wegen meiner Begeisterung für Gewitter wurde ich immer wieder auf den Wolkenverein hingewiesen und es war nur logisch für mich, ihm schließlich beizutreten.

Katharina von Saalfeld, Paris/Frankreich, Mitglied 21.019

Der Kopfkinogänger

Irgendwo oben sitzen, den Blick schweifen lassen und in die Ferne schauen – das fand ich immer toll. Vor über 20 Jahren bezogen wir dann eine Wohnung in Stuttgart mit atemberaubendem Ausblick: auf ein Tal mit Schrebergärten, auf Weinberge und mitunter kilometerweit bis in die nächste Stadt. Bald legte ich auf meinem Laptop ein Archiv mit dem unscheinbaren Titel „Fotos vom Balkon“ an. Darin sammelten sich über die Jahre spektakuläre Sonnenuntergänge und natürlich zahllose Wolkenbilder. Die schieße ich längst nicht mehr nur vom Balkon, sondern bei jeder Gelegenheit. Im Dezember 2017 schenkten mir liebe Freunde, die mein Faible für Wolken kannten, die Mitgliedschaft bei der CAS. Schön zu wissen, dass man seine Vorliebe mit so vielen Menschen rund um den Globus teilt. Der Blick zum Himmel entspannt mich einfach: Wolken schalten das Kopfkino an und liefern mir Impulse! Egal wo ich bin: Wolken sind fast immer da. Mal leicht und luftig, mal dramatisch und mächtig. Oder sie bilden faszinierende Formen, bieten Stoff zum Träumen und Seele baumeln lassen. Einen Wolkenfavoriten habe ich nicht, aber ein Lieblingswolkenfoto, in dem sich all meine Vorlieben spiegeln. Es entstand im Herbst 2018 in Norditalien auf dem „Ritten“ in circa 2.000 Meter Höhe. Über den Gipfeln von Schlern und Rosengarten zu sehen sind Altocumulus-Wolken, die Fallstreifen – so genannte „Virga“ – produzieren. Das sind Eiskristalle, die in der tieferen, trockeneren Luftschicht verdunsten und hier durch Windscherung stark zerfasert werden. Die feinen Linien und das breitere Band oben sind Kondensstreifen von Flugzeugen in verschiedenen Entwicklungs- und Abbaustufen. Und unten im Tal liegt ein leichter Nebel, der auch als Stratus bezeichnet wird.

Hans-Georg Arzt, Deutschland, Mitglied 44.560

Die Wolkenpoetin

Ich habe es immer geliebt, Wolken zu betrachten. Schon als Kind saß ich stundenlang auf der Schaukel im Garten, starrte in den Himmel und suchte imaginäre Tiere in den Wolkenformen. Bei der CAS bin ich, seit mein Mann mir zum Geburtstag die Mitgliedschaft schenkte. Er hatte wohl bemerkt, wie viel Zeit ich damit verbrachte, nach oben zu schauen! Ich wurde dann die erste „Hof-Poetin“ der CAS und verbrachte zwei Jahre damit, über Wolken nachzudenken und zu schreiben. Dass ich mit Mann und zwei Töchtern im Peak District, einer wilden nordenglischen Landschaft, lebe, hat mich dabei sehr inspiriert. Das Gedicht „Undulatus Asperitas“ schrieb ich aber schon davor. Ich hatte von einer „neuen“ Wolke gelesen, die der Internationale Wolkenatlas damals noch nicht aufgeführt hatte – von der Asperitas-Formation. Mich interessierte: Wie es sich wohl anfühlte, eine Wolke zu sehen, die nie zuvor jemand gesehen hatte? Vielleicht wie eine religiöse Erfahrung? Obwohl das Beobachten von Wolken oft eine einsame Aktivität ist, stellte ich mir vor, wie sich Leute versammeln, um diese seltsamen Formationen am Himmel zu betrachten, und fragte mich, wie aufregend oder gar beängstigend es für sie wäre. Meine Lieblingswolke ist allerdings die Schönwetterwolke Cumulus humilis, diese flauschige weiße Wolke, wie sie Kinder oft zeichnen und die an Sommertagen erscheint, an denen der Boden von der Sonne erwärmt wird.

Katharine Towers, Nordengland, Mitglied 31.567

Der Naturwissenschaftler

Als Physiker haben mich Naturphänomene seit jeher fasziniert und bis vor kurzem wanderte ich gerne in Wales, Schottland und später in Norwegen. Natürlich waren hier Wolken unsere ständigen Begleiter, besonders schön zu betrachten von oben, von den Gipfeln herab. Als ich daher 2007 von Gavin Pretor-Pinney und seiner Cloud Appreciation Society hörte, trat ich sofort bei. Immer wieder reichte ich Wolkenfotos ein und war geschmeichelt, als eines davon für den „Cloud Selector“ der CAS als Beispiel für Kondensstreifen verwendet wurde. In Wahrheit ist dies meiner Frau Jean zu verdanken, die mit ihrem frühmorgendlichen Ruf „Komm und sieh dir das an!“ das Foto erst ermöglichte, auf dem sich zwei Kondensstreifen kreuzen und ein großes X auf den Himmel zeichnen. Das hier gezeigte eindrucksvolle Bild eines „Cumulus congestus“, einer Vorstufe der Gewitterwolke „Cumulonimbus“, hat jedoch mein Sohn David mit dem Smartphone geschossen, während er bei Birmingham ein Festival organisierte. Zu unserer Freude kürte die CAS das Foto, das wir „Shaking a fist at the sky“ nannten, zum Bild des Monats August 2018. Die Strahlenbüschel um die Quellwolke entstehen, wenn eine feine atmosphärische Dunstschicht, der Altostratus, über der Wolke wie eine transparente Leinwand wirkt, die das Sonnenlicht streut und ihre Strahlen sowie die Wolkenschatten sichtbar macht. Dass sich die Strahlen radial auszubreiten scheinen, liegt an der Perspektive und ist eine optische Täuschung.

Michael Elphick, Northhumberland/UK, Mitglied 7.369

Mr. Cloud

Ich habe die Cloud Appreciation Society gegründet, weil Wolken meist eine schlechte Presse bekommen. Aber ich finde, dass sie der dynamischste, suggestivste und poetischste Aspekt der Natur sind. Ich wollte, dass die Gesellschaft ein Treffpunkt für Menschen auf der ganzen Welt ist, die dasselbe fühlen. Eine meiner Lieblingswolken ist „Undulatus Asperitas“. Sie wurde als erster neuer Wolkentyp seit 1951 von der Weltorganisation für Meteorologie akzeptiert und 2017 in ihren Internationalen Wolkenatlas aufgenommen. Dabei waren wir von der CAS es, die 2008 als erste vorschlugen, dieser Wolke eine eigene neue Klassifikation zu gewähren. 

Gavin Pretor-Pinney, UK, Mitglied 1

 

Die Cloud Appreciation Society (CAS)

wurde 2005 von Gavin Pretor-Pinney in Großbritannien gegründet, um Wissen über und Wertschätzung von Wolken zu fördern. Seither traten über 47.000 Menschen aus 120 Ländern der Gesellschaft bei. Mehr als 25.000 davon leben im Stammland des Vereins, in Großbritannien. In Deutschland gibt es rund 1.200 Mitglieder, in Österreich 100 und in der Schweiz 350 (Stand Juni 2019). Jeder neue Wolkenfreund erhält einen Mitgliedsausweis und eine Urkunde, die besagt, dass ihr Inhaber „fortan versuchen wird, alle die bereit sind, zuzuhören, vom Wunder und der Schönheit der Wolken zu überzeugen“. Außerdem bekommt er einen „Cloud-Selector“, der bei der Identifikation von 20 Wolkentypen hilft. Nicht zu vergessen die täglichen Mails mit der „Wolke des Tages“ – getreu dem Motto des CAS, dass man seinem Wohlbefinden zuliebe täglich mindestens einmal den Kopf in den Wolken haben sollte. Via Internetseite und Facebook können sich die Mitglieder zudem gegenseitig mit Wolkenfotos beglücken. Einige Bilder schaffen es sogar auf einen Ehrenplatz als „Wolke des Monats“ auf der Webseite oder als Vorzeigewolke in eines der Bücher des Vereinsgründers, wie z.B. „Wolkengucken“ oder „Wolken, die aussehen wie Dinge“, bei deren erster Ausgabe das sechsbeinige Schwein aus Schornstein-Wolken das Buchcover zierte.

 

Dieser Artikel erschien in der EVAU Nr3.

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