NUR FLIEGEN IST ECHTER

Sie schweben über den Wolken, meistern schwierige Landungen und trotzen Wind und Wetter: Die Mitglieder des Flugsimulatorclubs FSC e.V. holen sich den Traum vom Fliegen in die eigenen vier Wände. Unser Autor steigt mit ins Cockpit.

Text und Fotos: Julian Stutz

Verein: Flugsimulatorclub FSC e.V.


Vorheriger Artikel Überblick

Vorsichtig schiebe ich mit meiner linken Hand den Schubregler der Boeing 737 millimeterweise nach vorne, um die Maschine von ihrer Parkposition am Stuttgarter Flughafen Richtung Startbahn zu bugsieren. Meine Füße balancieren auf zwei Pedalen, mit denen ich das Flugzeug um die Kurven lenke und versuche, ja nicht die gelbe Linie auf dem Boden zu verlassen. Meine Hände suchen Halt an dem Steuerhorn vor mir. Ich schwitze. Die Nervosität hat einen einfachen Grund: Ich trage Verantwortung für 156 Passagiere — 71 Männer, 48 Frauen und 37 Kinder.

Neben mir sitzt Flugkapitän Detlef Pöse. Mit ruhiger Stimme sagt er: „Das klappt doch ganz gut. Wenn es jetzt auf die Startbahn geht, vor allem darauf achten, die Maschine gerade zu halten. Bei 160 Knoten dann das Steuerhorn ganz leicht nach oben ziehen und gleich wieder etwas sinken lassen, sonst verlieren wir den Auftrieb und sacken ab. Dann mit 15 Grad steigen.“

Ich nicke, rolle weiter auf die Startbahn, trete dann voll auf beide Bremsen und warte darauf, dass Pöse Schub gibt. „Jetzt“, sagt Kapitän Pöse, als die Triebwerke nach ein paar Sekunden mit voller Leistung brüllen. Ich hebe meine Füße von der Bremse, richte den Blick auf die Startbahn und versuche, die immer schneller werdende Maschine gerade zu halten. Rechts und links von mir sausen blinkende Lichter und verschwommene Gebäude vorbei. Ich ziehe das Steuerhorn zu mir, sehe plötzlich mehr Himmel als Boden und hebe ab. Der Start von Flug AB480 ist geglückt, wir sind auf dem Weg nach Palma de Mallorca.

Erst jetzt nehme ich meine Umgebung wieder bewusster war. Schaue auf den weißen Heizkörper rechts von mir, das hölzerne Sideboard links von mir und zu Detlef Pöse, der in Jeans und Pullover neben mir sitzt. Statt den Stuttgarter Flughafen in einer Boeing 737 hinter uns zu lassen, sitzen wir an diesem Samstagnachmittag erdverbunden im ersten Stock eines Reihenhauses in einem Vorort der schwäbischen Stadt Reutlingen.

Ich richte den Blick auf die Startbahn und versuche, die immer schneller werdende Maschine gerade zu halten.

Autositze
vor Monitoren

Dass ich trotzdem komplett in die Szene eingetaucht bin, ist das Verdienst von Detlef Pöse. Sein Hobby ist es, Flugsimulator zu fliegen. Deshalb hat er ein Zimmer seines Hauses in das Cockpit einer Boeing 737 verwandelt: Vor einer Batterie aus zehn Monitoren sowie unzähligen Schaltern und Lichtern stehen zwei ausrangierte Autositze. Dazwischen befindet sich eine Mittelkonsole mit noch mehr Reglern und Lämpchen sowie einem Schubregler. Ein Blick nach oben: weitere Kippschalter und blinkende LEDs.

Der Realismus ist für die Simulationsflieger oberstes Ziel. Wie Pöse fangen viele mit einem einfachen Joystick und zwei Monitoren an. Über Monate und Jahre wächst dann die Hardware, neue Software kommt hinzu, bis das Cockpit fast identisch mit dem einer echten Maschine ist. „Mit diesem Setting kann ich 90 Prozent der Systeme einer Boeing 737 simulieren. Von den Hydraulikpumpen über das Enteisungssystem bis hin zu den Anschnallzeichen“, erklärt Pöse stolz. „As real as it gets.“

Nach zwanzig Minuten Steigflug lösche ich auf Pöses Geheiß die Anschnallzeichen in der Maschine und schalte um auf den Autopiloten. Als wir den Schweizer Luftraum erreichen, setzt der Simulatorpilot einen Funkspruch an den Lotsen in Zürich ab. „Zürich Center, good afternoon. Air Berlin 480 with you. Flight level 165, climbing to flight level 360.“ Aus den Boxen scheppert schwer verständlich die Antwort. „Air Berlin 480 … direct fly … BALZI … flight level 350.“ Über zwei der Dutzenden kleinen Regler des Autopiloten passt Pöse Kurs und Flughöhe an und wir gleiten über einer leichten Wolkendecke weiter gen Süden.

Gemeinschaft
über virtuellen
Wolken

Auch wenn Simulatorpiloten häufig alleine in ihren Maschinen sitzen, ist das virtuelle Fliegen kein einsames Hobby. Deutsche Flugsimulatorenthusiasten organisieren sich etwa im Flugsimulatorclub FSC e. V. Der Verein ist in regionale Untergruppen gegliedert, die sich regelmäßig treffen, um über neue Ausbaustufen zu fachsimpeln, sich bei Problemen mit der Einrichtung der teils hochkomplexen Software zu helfen oder sich über besonders anspruchsvolle Anflüge auf Flughäfen in aller Welt auszutauschen. Darüber hinaus veranstaltet der Verein einmal im Jahr ein großes Treffen für ganz Deutschland und ermöglicht es seinen Mitgliedern, regelmäßig zusammen zu fliegen.

Auch andere Vereinigungen bieten Interessierten ein gemeinsames realistisches Flugerlebnis. An jenem Samstagnachmittag hat sich Pöse auf dem Server des Virtual Air Traffic Simulation Network (VATSIM) eingeloggt. Hier treffen sich Pixelpiloten und digitale Fluglotsen aus aller Welt, um gemeinsam ihrem Hobby nachzugehen. Der Schweizer Lotse, mit dem wir kurz nach dem Start gesprochen haben, war also kein Computer, sondern ein echter Mensch — mit spezieller Ausbildung für seinen Sektor und einer Leidenschaft fürs Führen von Flugzeugen. Einige Teilnehmer der Simulation sind tatsächlich auch im echten Leben Piloten oder Fluglotsen.

Aus den Boxen scheppert schwer verständlich eine Antwort.
„Air Berlin 480 … direct fly … BALZI … flight level 350.“

Als wir den spanischen Luftraum erreichen, versucht Pöse, Kontakt mit dem Fluglotsen in Barcelona aufzunehmen. Als Antwort tönen jedoch auch nach mehreren Anläufen nur Störgeräusche und abgehackte Textfetzen aus dem Lautsprecher. Ich lerne: Auch das Fliegen im Simulator ist nicht ohne Tücken. Statt über das Mikrofon wickelt Pöse die Kommunikation mit dem Lotsen über ein Chatfenster ab. Auf dem Monitor vor mir erkenne ich schon den Flughafen von Palma de Mallorca. Doch Pöse hat schlechte Nachrichten: Über die technischen Probleme mit dem Lotsen haben wir die Flughöhe aus den Augen verloren und sind noch viel zu hoch, um den Landeanflug zu beginnen. Also drehen wir ab und fliegen eine Runde über das Meer, um langsam auf die richtige Höhe zu sinken.

Ersatz fürs
echte fliegen

Während ich bei einem Blick aus dem Fenster bemerke, dass im Reutlinger Wohngebiet die Straßenlaternen angehen, kommt mir zum ersten Mal die Frage in den Sinn, ob man in der Simulation eigentlich auch vorspulen kann. „Solange wir online fliegen und mit einem echten Lotsen kommunizieren, ist das verboten“, beantwortet mir Pöse die Frage. „Das wäre einfach auch unfair den anderen Teilnehmern gegenüber.“ Deshalb fliegt Pöse online meist Kurzstreckenflüge zwischen ein und zwei Stunden. Der Reiz liegt für ihn darin, einen besonders schwierigen Anflug zu meistern oder in einem Gebiet zu fliegen, das Erinnerungen hervorruft.

Pöse startet und landet deshalb gerne in Nord- und Südamerika, da er dort einige Zeit gearbeitet hat. Wie sich Flugzeuge in der echten Welt anfühlen, weiß er ebenfalls: Eine Zeit lang flog Pöse kleine Propellermaschinen, ehe das Hobby zu teuer wurde und er sich auf die Simulation zurückzog. „Am PC zu fliegen ist natürlich lange nicht dasselbe wie in der Realität. Aber es ist viel günstiger, ich bin flexibel und kann einen Flugzeugtyp steuern, den ich sonst nie hätte fliegen können.“

Routiniert setzt der Pilot
die Maschine auf die Landebahn.
Mallorca, wir sind da!

Über den Balearen haben wir inzwischen ausreichend Höhe verloren, um in den Landeanflug überzugehen. Das übernimmt Pöse, während ich die Instrumente im Auge behalte, mich nach seinen Anweisungen um die Landeklappen kümmere und das Fahrwerk ausfahre. Mit routinierten Handgriffen verringert der Pilot die Geschwindigkeit, bewegt das Steuerhorn und setzt die Maschine auf die Landebahn. Mallorca, wir sind da! 

Würde sich Pöse auch zutrauen, eine echte Boeing 737 zu fliegen? „In der Luft halten wäre sicherlich machbar“, sagt der Simulatorfan. „Die Landung wird dann aber mehr als problematisch.“ In Palma de Mallorca hat es angenehme 15 Grad und der Himmel ist leicht bewölkt.

Hier treffen sich die Pixelpiloten

Hier treffen sich die Pixelpiloten

In Deutschland beschäftigt sich eine Vielzahl von Vereinen mit dem simulierten Fliegen. Der Flugsimulatorclub FSC e. V. bietet seinen Mitgliedern unterschiedliche Möglichkeiten, gemeinsam online abzuheben, und ermöglicht zudem den digitalen und persönlichen Austausch über alle Fragen rund um das luftige Hobby. Noch lebensechter geht es im Simulator-Verein Rhein-Neckar zu. Hier können Mitglieder in reale Simulatoren einsteigen und so ihrem Traum vom Fliegen noch näher kommen. Detlef Pöse ist Mitglied in beiden Vereinigungen.