Eine Frage der Würde

Äußerlichkeiten sind Nebensache? Machen wir uns nichts vor, nur die wenigsten Menschen achten gar nicht auf das Erscheinungsbild ihres Gegenübers. Aber was, wenn für etwas Make-up oder eine gepflegte Frisur kein Geld da ist? Dann verhelfen die Mitglieder der Barber Angels Brotherhood Bedürftigen und Obdachlosen mit einer scheinbar kleinen Geste, ein großes Stück Selbstachtung und Würde zurück zu gewinnen.

Text: Monika Unkelbach

Fotografie: Duncan Kendall

Verein: Verein: Barber Angels Brotherhood e.V.


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Dieser Artikel erschien in der EVAU Nr3.

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Millionen Mallorca-Urlauber lieben Palmen, Sonne und Luxusyachten. Aber auch das Paradies hat Schattenseiten. Markus Schmitt engagiert sich mit acht weiteren Barber Angels und vielen Helfern auf der Urlaubsinsel im Mittelmeer.

Sie sehen aus, als wären sie gerade von ihren Harleys gestiegen: Frauen und Männer in schwarzen Rockerkutten aus Leder, übersät mit Aufnähern, viele tätowiert und mit verspiegelten Sonnenbrillen. Fünfzig von insgesamt 350 Barber Angels haben sich am 14. April 2019 zum größten Event ihrer Vereinsgeschichte getroffen – und das ausgerechnet auf der für Party, Lifestyle, Sonne Meer und Luxus bekannten Urlaubsinsel Mallorca. Sie kommen aus fünf Ländern Europas, und die wenigsten sind auf einem Bike angereist. Die meisten haben gar keines.

Ihre Kluft ist ihr Markenzeichen und – viel wichtiger – sie dient als Türöffner, um den Menschen, denen die Barber Angels ihre Dienste anbieten, Hemmungen zu nehmen und ihnen so auf Augenhöhe begegnen zu können. Denn das Sommerparadies hat auch seine Schattenseiten: Armut und Obdachlosigkeit sind jenseits der weißen Strände, der mondänen Yachthäfen, der prächtigen Fassaden und Einkaufsstraßen ein zunehmend größer werdendes Problem.

An diesem Sonntag sind rund 400 Menschen aus allen sozialen Brennpunktvierteln der Baleareninsel ins gigantische Estadio de Son Moix in die Inselhauptstadt Palma de Mallorca gekommen, um sich frisieren und schminken zu lassen. Banal? Nein! Was für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, können sich die Obdachlosen und die häufig unter der Armutsgrenze lebenden Männer, Frauen und Kinder nicht leisten. Für sie bringt dieser Tag, die neue Frisur und der anschließende Blick in den Spiegel ein unbeschreibliches Glücksgefühl, das sie zum Teil seit Jahren nicht mehr empfunden haben und das sie den Kopf wieder höher tragen lässt.

Gemeinsam sind wir stark!

Markus Schmitt, Präsident des spanischen Chapters der Barber Angels, lebt seit März 2017 auf Mallorca. Er hat die Idee von Deutschland auf die Insel gebracht: „Ich wollte mich schon immer sozial engagieren, hatte aber keinen zündenden Einfall, wie ich das anstellen sollte. Im Regionalfernsehen habe ich einen Beitrag über die Barber Angels Brotherhood gesehen und ich wusste sofort: Da will ich mitmachen.“

Die Barber Angels sind ein Zusammenschluss von Friseuren, die sozial Schwachen regelmäßig die Haare schneiden. Gegründet wurde der Verein 2016 von Claus Niedermaier, einem Friseur aus dem Oberschwäbischen Biberach an der Riß. Er war von einer Dokumentation über erfrierende Obdachlose in Deutschland so erschüttert, dass er spontan zehn Kollegen zusammentrommelte und mit Klappstühlen loszog, um Menschen am Rande der Gesellschaft mit einer Rasur oder einem Haarschnitt ein Stück Würde zurück zu geben.

Die Idee war, diese Aktion alle zwei bis drei Monate bei der Caritas oder der Bahnhofsmission zu wiederholen. Eine Begegnung mit der Pressefrau Gabi Günther, die die Bewegung fortan promotete, viel Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Friseuren und das überwältigende Interesse der sozialen Dienste und Organisationen ließ das Projekt jedoch innerhalb kürzester Zeit durch die Decke gehen. Markus: „Dass wir so schnell wachsen und bekannt werden würden, hätte sich keiner von uns träumen lassen. Sicher, einzelne Friseure haben solche Aktionen schon gemacht, aber unsere Gruppe hat die Möglichkeit, in großem Stil zu helfen. Das ist eine andere Hausnummer.“

„Im Regionalfernsehen habe ich einen Beitrag über die Barber Angels Brotherhood gesehen und ich wusste sofort: Da will ich mitmachen.“

Hilfe, die bewegt

Die Barber Angels Brotherhood hat inzwischen Chapter in jedem deutschen Bundesland, in der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und eben auch in Spanien. Das Chapter auf Mallorca zählt acht Friseure, von denen vier in Palma und der Rest über die Insel verteilt sind. Dazu gehören auch 14 Orga-Angels, zwei Fotografen und eine Psychologin. Markus: „Die Orga-Angels sind unverzichtbar. Sie halten uns den Rücken frei, empfangen unsere Gäste, bewirten sie, fegen Haare weg und vieles mehr.“ Die Psychologin Jennifer Prata hat sich schon bei der spanischen Organisation SOS Mamas engagiert, mit der Markus Schmitt zusammenarbeitet.

Anderen Menschen zu helfen, macht glücklich und das gemeinsame Engagement schweißt zusammen. Jedes Wochenende finden irgendwo in Europa bis zu zehn kleinere und größere Events statt, zu denen sich die Barber Angels treffen und austauschen.

Beim ersten Einsatz der Barber Angels im Problemviertel Son Gotleu im Norden Palmas hat sie ihre Hilfe angeboten und es hat sich gezeigt, dass der ein oder andere Angel die nach manchem Einsatz auch braucht. Markus erzählt: „Alle Chapter arbeiten stets mit Organisationen zusammen. Daher finden unsere Aktionen meist in deren Räumen statt. In Son Gotleu leben geschätzt rund 9.000 Menschen. Dort haben wir auf Mallorca erstmals auf der Straße gearbeitet, zwischen Müllbergen und Autowracks. Wir haben Kinder gesehen, die nie eine Chance haben werden, Menschen, die sich aufgegeben haben. Das ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die nicht jeder einfach so wegsteckt.“ 

Ein Happening der guten Sache

Es geht nicht um Mitleid. Die Gäste sollen sich wohlfühlen und ein bisschen selbstbewusster gehen, als sie gekommen sind.

Seit dem Einsatz in Son Gutleu haben die Barber Angels auf der Insel die volle Unterstützung der Balearenregierung und auch der Präsident des Fussballvereins Real Mallorca, Hausherr des Stadions Estadio de Son Moix, ließ sich von der guten Sache überzeugen. Als erster deutscher Verein durften die Barber Angels die Arena für das Event am 14. April nutzen.

„Das ist eine Riesensache, die unser Team ohne Sponsoren und Unterstützer nicht auf die Beine hätten stellen können. Wir haben mittlerweile Industriepartner, die uns Stylingprodukte und Arbeitsgeräte zur Verfügung stellen und hier auf der Insel ein Busunternehmen, von dem wir drei Busse für den Transport unserer Gäste bekommen.“

Das Rahmenprogramm haben die Mitglieder von SOS Mamas organisiert: ein Frühlingsfest mit Musik, Hüpfburgen für die Kinder sowie Essen und Getränken. Und dann geht es los: Die Haare der Gäste werden in Ermangelung von Waschbecken mit sogenannten Waschhauben bedeckt, wie sie auch in der Altenpflege verwendet werden. Ein innenliegendes Gelflies wird durch Massage aktiviert und so das Haar desinfiziert und gewaschen. Die Barber Angel schneiden, fönen und flechten Haare und Visagisten zaubern auf Wunsch ein Tages-Makeup für die Damen. Spiegel gibt es keine. „Die Menschen vertrauen sich uns an“, erklärt Markus, „Erst beim Blick in den Spiegel sehen sie die Verwandlung und das ist für sie und uns immer ein unglaublicher Moment.“

Das Wissen, „es kann jeden jederzeit treffen“ treibt alle an.

Beständigkeit ist wichtig

Diese Riesenaktion ist bewegend und bringt für alle Beteiligten viele emotionale Momente. „Gabriel beispielsweise, hat nach einem Schicksalsschlag alles verloren und lebt jetzt auf der Straße. Wir sind uns im März auf einem unserer Events das erste Mal begegnet. Heute ist er eine Stunde zu Fuß gegangen, um hier zu sein und hat geduldig gewartet, bis er bei mir an der Reihe war.

Manche Kinder sind zum ersten Mal bei einem professionellen Friseur. Für sie ist es ein spannendes Abenteuer.

Er hat mir erzählt, dass er sich nach dem letzten Haarschnitt so gut gefühlt hat, dass er den Mut fand sich zu bewerben und jetzt tatsächlich eine Stelle in Aussicht hat“, erzählt Markus. Häufig sind es Ereignisse, die Menschen grundlegend erschüttern und aus der Bahn werfen, manchmal einfach die Umstände.

Harte Schale, weicher Kern: Die Rockerkutte baut Hemmschwellen ab und öffnet Türen.

Markus: „Viele sind hochgebildet, wie etwa Carlos. Er ist gelernter Informatiker aus Venezuela und lebt seit einem Jahr mit seiner Familie auf Mallorca. Seine Ausbildung wird hier nicht anerkannt und es hat ihn nach Son Gotleu verschlagen. Er würde gerne als Kellner arbeiten, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen.“ Die Sichtweise auf die Menschen hat sich bei allen Barber Angels geändert.

Das Wissen, „es kann jeden jederzeit treffen“ treibt alle an. Jedes Wochenende finden irgendwo in Europa zwischen drei und zehn kleinere und größere Aktionen statt, die die jeweiligen Chapter selbst organisieren. Aber es könnten noch weit mehr sein, erklärt Markus: „Die Nachfrage durch Organisationen und soziale Dienste ist riesig. Derzeit haben wir eine Vorlaufzeit von rund einem dreiviertel Jahr. Wir brauchen weitere Friseure und Orga-Angels und auch weitere Psychologen wären willkommen.“

Die Barber Angels Brotherhood hat sich inzwischen europaweit einen Namen gemacht und auch auf Mallorca sind sie spätestens nach dem 14. April ein Begriff. Jetzt steht die Expansion aufs spanische Festland auf dem Plan. Ein Chapter in Andalusien ist schon gegründet, ein zweites ist im Aufbau. Viel Arbeit für Markus uns sein Team, aber das steckt er weg: „Die Momente, wenn Menschen ihre Verwandlung sehen, wenn sie lachen, staunen, weinen, uns umarmen, sind großartig. Und wenn einer unserer Gäste durch unsere Aktion so viel Selbstvertrauen zurückgewinnt, dass er es schafft, sich ein besseres Leben aufzubauen, dann hat sich für diesen einen Menschen alles gelohnt.“ 

Dieser Artikel erschien in der EVAU Nr3.

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