Was ist los mit den Vereinen im Land?

Als einzige repräsentative Befragung ihrer Art gibt der ZiviZ-Survey 2017 einen statistischen Überblick über die deutsche Vereinslandschaft. Survey-Leiter Holger Krimmer erklärt die Trends im Vereinswesen.

Text: Karin Herczog

Aufmacherfoto: Stifterverband/David Ausserhofer

Organisation: ZiviZ gGmbH


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Herr Krimmer, sind Vereine wichtig?

Ganz klar: ja. Erstens, ist das Vereinswesen aktive, gelebte Demokratie und Partizipation. Zweitens geht es um gesellschaftlichen Zusammenhalt und Integration, sozial oder politisch. Drittens, spielt die Mitwirkung zivilgesellschaftlicher Strukturen in den unterschiedlichsten Handlungsfeldern eine große Rolle. Sport und Kultur wären in Deutschland ohne das dichte Vereinswesen nicht lebensfähig.

Was motiviert die Menschen, sich in Vereinen zu engagieren?

Bei dem wachsenden Segment der aktiven „jungen Alten“ von etwa 64 bis 75 Jahren, die gesund und im Ruhestand sind, überwiegt wohl die soziale Motivation, die Geselligkeit und Suche nach Anschluss und neuen Netzwerken. Bei den „Mittelalten“ ist es häufig viel zweckrationaler, oft geht es etwa um die Bildung der eigenen Kinder. Bei den ganz Jungen wiederum ist es eher ein Lebensstil-Motiv.

Welche Trends lesen Sie aus Ihrer Studie?

Spannend fand ich, dass die politische Motivation nicht zurückgegangen ist. Den Startpunkt des bürgerschaftlichen politischen Engagements verortet man ja im 19. Jahrhundert, im Engagement des Bürgertums im Kontext der sozialen Spaltung, die die Industrialisierung hervorgebracht hat, in der Selbstorganisation der Arbeiter in der Arbeiterbewegung und später in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Hier ging es ging um Emanzipation, Gleichstellung aber auch zunehmend um Friedensbewegung, Ökologie, Nachhaltigkeit und so weiter. Der Wunsch, sich gegenüber der Politik zu artikulieren, das demokratische Ethos standen im Vordergrund. Der Dienstleistungsgedanke kam erst später, in den 80ern auf. Interessant finde ich nun, dass die Dienstleistung als Motivation inzwischen eher stagniert, auch Gemeinschaftsorientierung stark rückläufig ist, aber der politische Selbstanspruch in der Zivilgesellschaft stärker wird.

Ziviz-Survey 2017 in Zahlen

6.300 Vereine, Stiftungen und Genossenschaften nahmen an der Befragung teil und beantworteten rund 90 Fragen. Alle vier Jahre will der Stifterverband die Studie erneuern. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Die Zivilgesellschaft wächst weiter: Es werden immer noch mehr Vereine gegründet als aufgelöst (2013: 15.084 Neugründungen, 10.512 Auflösungen.)
  • Jüngere Organisationen verstehen sich zunehmend als politische Akteure/Interessensvertreter (ältere weiterhin v.a. als Gemeinschaft Gleichgesinnter).
  • Fördervereine sind das am stärksten wachsende Segment: Jeder fünfte Verein (22 Prozent) ist ein Förderverein, aktuell gibt es hochgerechnet rund 130.000.
  • Fast zwei Drittel der Organisationen (64 Prozent) finden, dass sie ihre Arbeit nicht nur selbst leisten, sondern auch selbst finanzieren sollten (sehen sich nicht als Ausfallbürge des Staats).
  • Nach wie vor arbeitet der Großteil der Organisationen auf ehrenamtlicher Basis (72 Prozent). Rückgänge bei den Freiwilligen beklagen v.a. Sport- und Freizeitvereine.
  • Vereine tragen viel zur sozialen Integration von Bürgern mit Migrationshintergrund bei, neue Organisationen von und für Migranten sind entstanden. Bislang gelingt es aber nur 10 Prozent der bestehenden Vereine, mehr ausländische Mitbürger zu gewinnen.

Gibt es Typen von Vereinen, die aktuell besonders im Kommen sind?

Auffällig ist die enorme Zunahme von Fördervereinen: Sie stellen ein Drittel der Neugründungen der letzten zehn bis 15 Jahre in den Bereichen Bildung, Schulen, Kultur. Eine Entwicklung, die bislang schwer zu bewerten ist. Manche vermuten, dass viele Fördervereine die zurückgehenden öffentlichen Ressourcen kompensieren wollen. Wenn das stimmt, weist das auf einen problematischen Vorgang hin. Aber bewiesen ist das nicht. Es könnte auch an der viel höheren Identifikation der Bürger mit den öffentlichen Institutionen — insbesondere von den eigenen Kindern frequentierten Bildungsinstitutionen — liegen und an der gestiegenen Bereitschaft, sich einzubringen. Fördervereine fördern ja nicht vor allem finanziell, sondern engagieren sich mit Veranstaltungen, Spendenläufen oder Tagen der Offenen Tür. Im Bereich Bildung beispielsweise setzen sie sich damit für eine lebenswerte Gestaltung der Schule ein.

„Die Vereine verschlafen die Digitalisierung“

Survey-Leiter Holger Krimmer

Wo sehen Sie in der Vereinslandschaft Probleme?

Da fällt mir das Thema Digitalisierung ein, das quasi verschlafen wird. Dabei bietet gerade sie den Vereinen ein enormes Potenzial, andere Probleme zu lösen. Etwa das Problem, dass sich die Mitglieder zeitlich und oder räumlich nicht mehr so leicht unter einen Hut bringen lassen, aufgrund von Land-Stadt-Migration, höherer Mobilität und weil neue Arbeitszeitgestaltungen die kollektiven Tagesrhythmen aufweichen. Viele von jungen Leuten betriebene Vereine haben das gelöst. Deren Mitglieder wohnen zwar an verschiedenen Orten Deutschlands, haben aber ein dichtes Kommunikationsnetzwerk aufgebaut. So schaffen sie es, Organisationen mit sechsstelligen Jahresetats zu wuppen, und obendrein Trägereinrichtungen für Jugendfreiwilligendienste zu sein. Das alles erledigen diese Vereine digital und befreien sich somit von lokalen Schranken. Aber kaum ein Verband hat das Thema systematisch im Blick und stellt Strukturen auf lokaler Ebene zur Verfügung.

Was bringt den Vereinen die Digitalisierung?

Sie ist eine Chance, Mitglieder zu halten. Zum Beispiel die Blaulichtorganisationen wie Feuerwehr und THW haben ein typisches Problem: Sie betreiben eigentlich eine gute Jugendförderung, verlieren die jungen Leute aber, wenn sie für Berufsausbildung und Studium fortziehen. Über digitale Strukturen ließen sich zumindest ein paar wichtige Brücken bauen, auch wenn die lokale Anwesenheit damit nicht ganz ersetzt werden kann.

Förderinitiative „digital engagiert“

Gemeinsam mit dem Unternehmen Amazon suchte der Stifterverband nach Ideen rund um die Digitalisierung von gemeinnützigen Projekten. Bis zum 15. Dezember konnten Initiativen an der Ausschreibung „digital engagiert“ teilnehmen: 15 Bewerber werden derzeit ausgewählt und erhalten dieses Jahr ein sechsmonatiges Coaching. Die besten Initiativen werden am Schluss ausgezeichnet. Mehr unter www.digitalengagiert.de

Ist es denn für Vereine insgesamt schwerer geworden, Mitglieder zu halten?

Ich fürchte, wir wissen noch zu wenig darüber, warum jemand Mitglied in einem bestimmten Verein ist. Will man eher passiv von Vereinsleistungen partizipieren oder Zugang zu etwas Bestimmtem haben? Oder ist es die Suche nach Gemeinschaft? Was man sicher weiß: Gerade die klassischen, milieugebundenen Großorganisationen wie Gewerkschaften, Kirchen und Parteien, die im 19. Jahrhundert noch eine wichtige Rolle spielten, haben sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts ausgedünnt und viele Mitglieder verloren. Ebenso viele klassische große Vereine mit föderalen Strukturen. Auf der anderen Seite engagieren sich jetzt zunehmend Menschen in kleineren Organisationen, welche die Chance bieten, mehr mitzugestalten und sich direkt einzubringen. Grundsätzlich kann man sagen: Die großen Vereine schrumpfen, die kleinen Vereine wachsen.

Wer gehört bei dieser Entwicklung zu den Gewinnern?

Vereine, die als Instrument dienen können, um gesellschaftlich etwas zu bewirken und zu verändern — etwa in der Entwicklungshilfe, für Umweltschutz, soziale Dienste, Bildung. Sie ziehen mehr Menschen an als selbstzweckorientierte Vereine. Die Bereiche Sport, Freizeit und Geselligkeit haben am meisten Schwierigkeiten, neue Mitglieder zu finden, beziehungsweise verlieren die meisten Mitglieder.

„Die Menschen zieht es zu Vereinen, die gesellschaftliche Veränderung versprechen.“

Survey-Leiter Holger Krimmer

Fördert die Politik die Vereine?

Ja, auf unterschiedliche Art und Weise. Aber manche der Förderungen gehen meines Erachtens in die falsche Richtung, etwa das, was häufig unter dem Begriff „Anerkennungskultur“ verhandelt wird. Eine Anerkennungskultur der Preise und Auszeichnungen, deren wir mittlerweile über 600 in Deutschland haben, ist zwar schön für die einzelnen Ausgezeichneten. Aber echte Wertschätzung erfolgt dann, wenn man Engagierte und mitgestaltungs­freudige Bürger mit ihren inhaltlichen Anliegen und ihrer Bereitschaft zur Mitgestaltung ernstnimmt und in Beratungen und Entscheidungen öffentlicher Belange besser einbindet. Das geschieht beispielsweise bei Vereinen, die Angebote für benachteiligte Jugendliche machen, im Kontext von Jugendhilfeausschüssen. In diesem haben die Vereine ein verbindliches Mitspracherecht, auch bei kommunalen Etats. Sie haben eine klare Funktion und sitzen mit politischen Akteuren zusammen, um soziale Probleme zu lösen. Das ist echte Wertschätzung.

Was denken Sie: Wie wird sich das Vereinswesen weiterentwickeln?

Erstens glaube ich nicht, dass das Wachstum der letzten Dekaden ungebrochen so weitergeht. Immer mehr Vereine werden aufgelöst, auch wenn Neugründungen bislang überwiegen. In Zukunft wird sich beides vermutlich zunehmend angleichen. Zweitens denke ich, dass die Mitgestaltungsansprüche über Zivilgesellschaften in den nächsten Jahren größer, diese daher in bestimmten Feldern politischer werden. Und drittens bin ich sicher, dass die Digitalisierung mit Wucht kommen wird. Ein Wunsch von mir ist, dass die Vereine unterstützt von Verbänden, Unternehmen und Politik Wege finden, sich intelligent dieser Entwicklung zu stellen, bevor es zu Generationenbrüchen und Spaltungen in Vereinen kommt.

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Eine Meinung zu “Was ist los mit den Vereinen im Land?

  1. Gerade für kleine Vereine ist es zudem eine große Herausforderung, attraktiv für die Mitglieder zu bleiben und bei der Vielfalt an Möglichkeiten Menschen für feste Posten z.B. im Vorstand zu gewinnen.
    Meiner Meinung nach kann da tatsächlich die Digitalisierung helfen, die zum einen die Verwaltung von Vereinen einfacher macht und zudem mehr Möglichkeiten bietet, neue Mitglieder zu gewinnen.

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