„Ein Knochen­job. Aber ein schöner.“

Conny Wüst ist Tagesmutter aus Leidenschaft. Doch auch der schönste Beruf der Welt bringt Risiken mit sich. Gut, dass sie einen Verein im Rücken hat.

Text: Anton Tsuji

Fotografie: Stefan Schwarz

Verein: Tageselternverein Kreis Esslingen e.V.


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Conny, wenn andere im Büro hocken oder in der Fabrik schwitzen, passt du auf Kinder auf. Klingt doch ziemlich locker.

Anscheinend klingt das so, denn ich höre öfters solche Kommentare. Die Gesellschaft verkennt, was wir Tageseltern leisten. Wenn wir die Entwicklung eines Kindes begleiten dürfen, dann bedeutet das doch viel mehr, als einfach Zeit abzusitzen. Klar, wir spielen viel und das macht auch Spaß. Aber der Job hat noch viele andere Seiten, weswegen sich auch nicht jeder dafür eignet. Man muss sehr stressresistent sein.

Drei schreiende Kinder können schon eine Belastung für das Nervenkostüm sein. Dazu kommt noch die pädagogische Seite. Wir Tageseltern beobachten die Kinder sehr genau und gestalten das Programm so, dass sie bestmöglich gefördert werden.

Woher wusstest du denn, dass du zur Tagesmutter taugst?

Das fängt mit meiner Familie an. Meine Oma hatte acht Kinder, dementsprechend stamme ich aus einer richtigen Großfamilie. Auf Familienfesten war ich immer umringt von Cousinen und Neffen. Das habe ich schon immer genossen. Dazu kommt noch, dass meine Mutter Kindergärtnerin war. Diese Seite habe ich also auch schon früh mitbekommen.

Dir war also klar, dass du mal mit Kindern arbeiten wirst?

Nein, zuerst wollte ich selbst welche bekommen. Am liebsten viele. Das hat dann bei uns leider nicht geklappt, was für mich persönlich natürlich sehr schade war. Zum Glück fiel mir dann im richtigen Moment die Annonce des Tageselternvereins Kreis Esslingens in die Hände. Einen Infoabend später wusste ich: Ich werde Tagesmutter.

„Wir legen Wurzeln fürs ganze Leben.“

Tagesmutter Conny Wüst

Ist der Job für dich also eine Art Ersatz für eigene Kinder?

Das ist bei mir wirklich so. Los ging es bei mir 2002 mit Zwillingen. Das war ein ganz tolles Dreivierteljahr. Ich habe gleich gemerkt, dass ich mehr für die beiden war, als nur „Aufpasserin“. Wir haben da Wurzeln fürs ganze Leben gelegt. Die beiden winken heute noch, wenn sie bei uns am Garten vorbeikommen. Und genauso ging es dann weiter. Mittlerweile hatte ich 36 Tageskinder, durfte also 36 tolle kleine Persönlichkeiten kennenlernen. Und es hört ja nicht bei den Kindern auf. Auch mit den Eltern verbinden mich heute viele Freundschaften.

Wie viel von dir selbst gibst du denn an die Kinder weiter? Machen sich nicht viele Eltern Sorgen, wenn jemand anders miterzieht?

Ich habe natürlich meine eigenen Werte, die ich auch vertrete. Deswegen spreche ich beim Kennenlernen mit den Eltern erst einmal ganz viel über mich. Eltern und Tageseltern müssen zueinander passen, sonst kann das schnell zu Konflikten führen. Aber das hat bisher immer gut funktioniert. Und natürlich ist das Tagesprogramm auch von meinen Interessen geprägt.

Klar, wir Tageseltern versuchen möglichst immer ein möglichst breites Feld an Aktivitäten zu bieten. Aber in diesem Leben werde ich keine Bastelkönigin mehr, deswegen wird eben nicht jeden Tag mit Kleber und Krepppapier hantiert. Dafür bewegen wir uns viel und kochen zusammen. Eines meiner Mädels schwärmt jetzt noch von den leckeren Crêpes!

Du hast ja schon gesagt, dass nicht jeder zur Tagesmutter oder zum Tagesvater taugt. Wer legt das eigentlich fest?

Hier tut der Verein ganz viel. Zum einen informiert er ausführlich im Vorfeld. Danach wartet ein großes Bildungsprogramm auf potenzielle Tageseltern, bei uns mit 160 Unterrichtsstunden. Der Verein schaut sich aber auch jeden ganz genau an. Da werden viele Gespräche geführt um herauszufinden, wie belastbar jemand ist. Die Wohnung wird besichtigt, schließlich muss genügend Platz und vor allem alles sicher sein. Hier vertraut das Amt übrigens voll auf den Tageselternverein. Ein blütenweißes, polizeiliches Führungszeugnis muss jeder trotzdem abgeben. Und Erste Hilfe frischen wir natürlich ständig auf.

Was tut der Verein darüber hinaus für die Tageseltern?

Unheimlich viel! Das fängt schon mit Rat und Tat im Alltag an. Ganz wichtig ist aber auch unser Verleihservice. Der Verein stellt kostenlos Kindersitze und Mehrlingswägen zur Verfügung. Oder das Thema Versicherung: Wir alle sind über den Verein haftpflichtversichert. Das Wichtigste ist aber, dass uns mit dem Tageselternverein ein starker Partner den Rücken stärkt. Da passiert unglaublich viel im Hintergrund, das hat mich gleich zu meiner Anfangszeit beeindruckt.

„Jedem, der nur auf das Geld angewiesen ist, rate ich immer von dem Beruf ab.“

Tagesmutter Conny Wüst

Kannst du genauer sagen, was du mit dem Verein als Partner meinst?

Viel dreht sich darum, dass wir Tageseltern Selbstständige sind. Wir müssen uns also um alles rund um Steuer, Versicherung und so weiter kümmern. Unser Einkommen ist dafür aber gedeckelt. Egal wie gut ich arbeite, ich darf laut Kommunalregelung bis zu fünf Kinder betreuten, für die gibt es jeweils 5,50 Euro die Stunde. Das ist ordentlich, aber mehr gibt es nicht. Davon kann ich mir keine Berufsunfähigkeitsversicherung leisten. Nach sechs Wochen Krankheit endet also der Versicherungsschutz. Das kann existenzgefährdend werden, weswegen ich jedem, der nur auf das Geld angewiesen ist, immer von dem Beruf abrate.

Unser Tageselternverein tut aber ganz viel dafür, dass wir so gut wie möglich gefördert werden. Der Stundenlohn lag nämlich vor einigen Jahren noch bei 3,90 Euro. Übrigens haben auch die Eltern was von der Vereinsarbeit. Wir haben durchgesetzt, dass sie in den meisten Kommunen nur einen kleinen Teil des Stundenlohns aus eigener Tasche zahlen müssen. Lange Rede kurzer Sinn: Ohne den Tageselternverein Esslingen wäre das alles nicht so einfach für die Eltern hier in der Region, wie es gerade ist. Das ist auch der Grund, warum ich lange als Vorstand aktiv war.

Zum Abschluss: Was ist deine schönste Erfahrung als Tagesmutter?

Da gibt es zu viele! Neulich hatte ich aber so einen Wow-Moment. Ich gehe mit einem Jungen, der bei mir war, jedes Jahr einmal Sushi-Essen. Der ist mittlerweile Teenager. Und jetzt fand er es an der Zeit, mich mal einzuladen. Der hat wirklich sein ganzes Taschengeld für mich zusammengekratzt! Und das Gespräch war dann auch ganz toll. Er hat mir ganz ohne Barrieren erzählt, was gerade in ihm vorgeht. Da habe ich gemerkt, wie stark und tiefgehend unsere Bindung auch nach all den Jahren ist. Und solche Momente bekomme ich ständig zu spüren. Das ist doch das eigentliche Entgelt einer Tagesmutter.

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