Alle elf Minuten zeugen zwei Menschen ein Kind auf Familyship

Auf Internetplattformen wie Familyship suchen sich Menschen, die gemeinsam ein Kind zeugen und aufziehen wollen – ganz ohne Liebesbeziehung. Co-Parenting nennt sich das. Warum und wie? Cornelia und Christian erzählen von ihren Erfahrungen.

Text: Tina Hofmann

Illustration: Rebekka Schramke


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„Co-Parenting bietet mehr Freiheiten als ein klassisches Familienmodell.“

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Cornelia, Mitte 30, lebt seit sieben Jahren in einer festen Partnerschaft. Aufgrund einer chronischen Krankheit kann ihr Partner keine Kinder großziehen. Sie ist erst seit wenigen Monaten auf Familyship aktiv.

Der Begriff Co-Parenting ist mir zum ersten Mal vor etwa drei Jahren in feministischen Magazinen und Podcasts über den Weg gelaufen. Das Konzept fand ich interessant, denn ich hatte in meinem Leben immer den Eindruck, dass die Bilder, die es von Familie in unserer Gesellschaft gibt, nicht befreiend sind. Da fand ich es wohltuend zu erfahren, dass Menschen beginnen, andere Konzepte zu denken und zu leben. Ich hab jetzt nicht sofort gedacht „das ist genau mein Ding“, aber es gab etwas daran, was ich spannend fand. Und ich habe mir überlegt, ob ich mir das vorstellen könnte.

Was ist Co-Parenting?

Co-Parenting ist ein Familienmodell, bei dem zwei Menschen auf rein freundschaftlicher Basis ein Kind zeugen und gemeinsam aufziehen. Ursprünglich kommt das Modell von homosexuellen Paaren, inzwischen findet es aber auch bei heterosexuellen Frauen und Männern Anklang. Diese sind häufig Single oder haben einen Partner, der nicht den gleichen Kinderwunsch teilt. Die Motive und Modelle sind vielfältig. Im Internet gibt es mehrere Plattformen, auf denen man andere Menschen mit Kinderwunsch kennenlernen kann. Familyship ist eine der bekanntesten.

Warum dieser Weg?

Ich habe seit sieben Jahren einen Partner, aber der traut sich keine Kinder zu. Aufgrund einer chronischen Krankheit ginge das Aufziehen von Kindern über seine körperlichen Kräfte. Wir haben gemeinsam entschieden, dass ich nicht ohne Kinder bleiben soll. Wir sind noch zusammen, aber wissen nicht, wo das Ganze hinführt. Es kann sein, dass unsere Zelte abgebrochen werden müssen. Ich spüre genau, ich habe einen Kinderwunsch, und wir Frauen sind halt nicht so frei wie Männer – irgendwann geht das Fenster zu. Ich habe den Eindruck, jetzt ist die Zeit, das anzugehen. Ein Kind über eine Samenbank zu zeugen, kann ich mir nicht vorstellen, da muss ich so an Viehzucht denken. Auch will ich nicht den Samen von jemanden bei einem One-Night-Stand rauben. Es soll schon einen Konsens darüber geben, dass ein Kind entsteht. Andere Wege wie Adoption oder Pflegeelternschaft sind für mich aber nicht ausgeschlossen. Den klassischen Weg schließe ich ebenfalls noch nicht aus. Normalerweise sucht man einen Partner, mit dem man dann auch Kinder kriegt. Ich habe entschieden, dass ich das gerne entkoppeln will. Priorität eins ist das mit den Kindern, und wenn eine neue Partnerschaft hinzukommt, ist es cool, aber das muss nicht zwanghaft sein. Ich halte deswegen derzeit getrennt die Augen nach einem neuen Partner auf, im echten Leben und via Online-Dating − wenn es sich auf Familyship ergeben würde, wäre das natürlich auch nicht schlecht.

Was ich auf Familyship suche

Mein Eindruck von dem, was ich erlebe, bei Kindern um mich herum oder Freunden, die professionell mit Kindern arbeiten, ist, dass Kinder suchen, woher sie kommen und Vaterfiguren brauchen. Deswegen bin ich der Ansicht, dass es gut ist, wenn ein Kind Mutter und Vater haben kann. Also läuft es bei mir stärker darauf hinaus, dass ich einen Mann suche, der sich vorstellen kann, in der Elternrolle in irgendeiner Form aktiv zu sein.

„Die typische Kleinfamilie ist eine Überforderung für alle Beteiligten.“

Was für eine Mutter ich sein möchte

In Deutschland gibt es überfordernde Vorstellungen von Mutterschaft. Mütter müssen aktiv sein, arbeiten, 195 Prozent für ihre Kinder da sein, immer fürsorglich, gleichzeitig einen super Körper haben … In anderen Kulturen ist das anders, arabische Kinder hängen nicht die ganze Zeit an der Mutter. Die typische Kleinfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und durchschnittlich 1,5 Kindern, ist eine Überforderung für alle Beteiligten. Ich finde nicht, dass man als Mutter 24 Stunden am Tag an dem Kind kleben muss. Deswegen fände ich es cool und entlastend, wenn ich wüsste, dass es Zeiten gibt, in denen ich quasi frei habe, weil das Kind woanders ist. Das ist in einem Co-Parenting-Modell ganz anders möglich. Ich denke, es bietet größere Freiheit als ein klassisches Familienmodell. Natürlich hat Co-Parenting aber seine eigenen Probleme und Herausforderungen.

Wie die Zeugung ablaufen soll

Wie das Kind gezeugt wird, hängt von der Person und dem Setting ab, zum Beispiel davon, ob jemand schwul oder in einer Beziehung ist. Ich finde, Sex ist eine gute Sache, deswegen ist das nich grundsätzlich auszuschließen. Generell könnte ich mir beides vorstellen – Sex oder Bechermethode.

Soll der Vater zahlen?

Eine finanzielle Beteiligung des Mannes wäre fairer und würde in meinen Augen dazu gehören, wäre aber nicht zwingend nötig. Manche Männer lehnen das schon in ihrem Profil ab, man kann das wohl vertraglich ausschließen.

Erste Eindrücke von Familyship

Ich habe mich schon vor über einem Jahr angemeldet, bin aber erst vor einigen Monaten aktiv geworden. Ich werde zu gleichen Teilen angeschrieben und schreibe selbst Männer an. Bislang habe ich mit etwa acht Männern geschrieben, derzeit bin ich noch mit vier davon in Kontakt. Von denen, die ich angeschrieben habe, hat mir nur einer nicht geantwortet, sonst kommen die Antworten immer sehr schnell. Die Online-Kommunikation ist sehr freundlich, höflich und wertschätzend, die Männer wollen ja auch was von einem.

„Die Online-Kommunikation ist sehr freundlich, höflich und wertschätzend.“

In meiner ersten Nachricht frage ich zum Beispiel, wie die Feiertage waren, wo die Leute wohnen, und wenn sie bei mir ums Eck wohnen, wer sie sind oder was sie so machen. Nach dem zweiten bis dritten Schreiben werde ich konkreter und frage, was sie suchen und warum über die Plattform. Ich habe mit zwei Männern geschrieben, die schnell erzählt haben, dass sie psychische Erkrankungen haben. Ich fand es cool, dass sie das sofort gesagt haben. Das wäre kein No-Go für mich, finde ich besser als Überschätzung oder Selbstdarstellung. Es ist wie beim Online-Dating. Natürlich hast du eine eingeschränkte Sicht auf die Person, aber du bekommst trotzdem eine Idee davon, wie der andere tickt.

Komische Erfahrungen

Einmal hat mich einer angeschrieben, der klang nett und sehr empathisch. Später hat er mir geschrieben, dass ihn Fotos von schwangeren Frauen mit dicken Bäuchen anmachen, und er hätte dann gerne Fotos von mir mit Bauch. Außerdem hält er nichts von der Bechermethode oder künstlicher Befruchtung. Er will schon Sex haben. Dann fragte er, ob ich zu ihm kommen könnte. Da hab ich den Kontakt beendet, das ist nicht das, was ich suche. Ich hatte auch Kontakt zu Männern, die sagten, sie wollen gar nichts mit dem Kind zu tun haben. Sie wollen, dass da ein Kind durch sie entsteht und wissen, dass es ein oder viele Kinder gibt, die sie gezeugt haben. Involviert sein wollen sie nicht. Das fand ich am Anfang merkwürdig. Männliche Freunde von mir fanden das aber nachvollziehbar, es scheint also häufiger vorzukommen. Aber mein Ding ist das nicht.

Worauf ich achte

Ich filtere nach regionaler Reichweite. Ich fände es schon gut, wenn jemand eine Vaterrolle aktiv einnehmen könnte, deswegen muss eine lokale Erreichbarkeit da sein. Gemeinsam ein Kind zu haben, ist noch etwas viel Intimeres, als in einer Liebesbeziehung zu sein. Da geht es darum, einen Menschen großzuziehen. Dafür ist ein Grundgerüst an gemeinsamen Werten und grundsätzlichen Vorstellungen schon mega relevant. Ein Nazi oder jemand, der die ganze Zeit nur um die Welt jettet oder einfach eine elementar andere Haltung hat als ich − das würde nicht gehen. Wichtig wären mir: soziale Verantwortung, ein Blick auf Ökologie und Klima, ein Maß an Toleranz und Offenheit, Wertschätzung gegenüber anderen Menschen und anderen Arten zu leben. Alles, was weg ist vom Klassischen im Reihenhaus mit dem Hund und dem Sarg im Vorgarten sitzen, finde ich spannender und kompatibler. Ich würde mir eine offene und tolerante Person wünschen.
Ich frage das nicht konkret ab. Ich finde, das lässt sich schon zwischen den Zeilen lesen, in dem was oder wie Leute etwas formulieren. Ein Typ hatte mal eine völkische Gesinnung, das hat seine Sprache verraten. Der hat Leute immer nach optischen Gesichtspunkten in Rassen eingeordnet, so „à la ich bin der nordische Typ“. Das geht für mich gar nicht.

„Auf Äußerlichkeiten achte ich nicht. Vielleicht sieht das Kind später eh aus wie die Großtante mütterlicherseits.“

Wie soll der Vater aussehen?

Auf Äußerlichkeiten achte ich dagegen nicht. Ist mir doch egal, ob jemand blond oder schwarzhaarig ist. Sowas ist mir auch sonst nie wichtig gewesen, wenn ich Männer für eine Partnerschaft gesucht habe. Schließlich haben die Gene ja eine Eigenständigkeit, vielleicht sieht das Kind später aus wie die Großtante mütterlicherseits. Das kann auch bei jemandem passieren, mit dem ich in einer Liebesbeziehung bin und den ich optisch 100 Prozent toll finde. Viele Männer formulieren ihre Vorstellungen von Frauen, zum Beispiel möchten sie ein Mindestmaß an Konventionen, einen überdurchschnittlichen Abschluss und Intelligenz, Sportlichkeit, das Becken so oder die Augenfarbe so … Das ist ein bisschen wie auf dem Viehmarkt, nehme ich die Sau oder den Esel. Das fühlt sich für mich irgendwie schräg an.

So reagiert mein Umfeld

Ich habe mit meinem Vater und ausgewählten Freunden über das Thema gesprochen. Manche haben noch nie von Co-Parenting gehört und gesagt, sie müssten erst mal verstehen, was das ist und wie das gehen kann. Andere waren da sehr positiv und haben mich bestärkt. Sie haben versucht, mir meine Zweifel und Sorgen zu nehmen. Manche haben Bedenken zu konkreten Kontakten formuliert und mir gesagt, warum sie denken, dass es mit denen nicht funktionieren könnte. Aber es gab keine abwertenden Kommentare. Allerdings habe ich nur mit Leuten gesprochen, bei denen ich das Gefühl hatte, sie würden das verstehen. Besonders mein Vater war total bestärkend. Er unterstützt mich und spricht mir gut zu, das hat mich sehr gefreut.

„In mir drin sind jetzt mehr Optionen möglich.“

Die ersten Treffen

Ein paar Monate später: Inzwischen habe ich mich mit zwei Männern getroffen, mit beiden auf einen Kaffee in der geografischen Mitte. Beide wohnten etwa 400 Kilometer weg. Beim ersten handelte es sich um einen spannenden, sehr schlauen Mann mit Haltungen, die für mich gut kompatibel sind. Allerdings möchte er eine aktive Vaterrolle mit allen Rechten einnehmen und ich will jemanden, der mich aktiv entlasten kann – beides kann ich mir bei so einer krassen Distanz nicht vorstellen.
Ich habe ihn zweimal getroffen. Beim ersten Mal war seine Partnerin dabei. Sie kann keine Kinder bekommen und wäre mit einer Tantenrolle dabei gewesen. Mit ihr entstand gleich eine Art Konkurrenzverhältnis. Sie fühlte sich gezwungen, alles zu kontrollieren. Als ich den Mann nochmal allein treffen wollte, fand sie das nicht so cool. Ich hätte keinen Bock, in sowas reinzukommen. Die Frau war zudem total anstrengend und hat mich schon nach zehn Minuten genervt. Außerdem waren bei ihr so viele Emotionen im Spiel. Ich hatte das Gefühl, dass beide nicht bis zum Ende reflektiert haben, was das Co-Parenting für sie bedeuten würde. Der andere war ebenfalls ein spannender Mensch. Aber die Fahrerei zum Treffpunkt hat mich schon beim ersten Mal ermüdet. Außerdem fand ich den ersten Mann interessanter. Ein Treffen mit jemandem aus meiner Gegend steht noch aus. Der würde schon gern wollen, dass das Kind weiß, dass er der Vater ist, und ab und an auftauchen. Aber er hätte nicht die Zeit, das Kind regelmäßig zu sehen, wohl unter anderem aufgrund einer psychischen Erkrankung. Es gibt noch zwei bis drei Männer, die schon Familien haben und nur Samen spenden wollen. Ich weiß noch nicht, ob ich mit denen in Kontakt bleiben will und ob das eine Option ist.
Ich habe aber aus diesen Erfahrungen heraus ein paar Haltungen überdacht: Ich wollte ja einen Mann, der eine aktive Vaterrolle einnimmt. In der Realität gestaltet sich das aber nicht so leicht, wenn man nicht in einer Großstadt wie Berlin lebt, weil es halt Distanzen gibt und weil viele Männer das gar nicht wollen. Mir ist klar geworden, dass die Sache allein zu machen heißt, alles allein zu entscheiden − und das hat auch Vorteile. In mir drin sind jetzt mehr Optionen möglich, die ich eigentlich ausgeschlossen hatte. Ich würde mir schon wünschen, dass es eine männliche Bezugsperson gibt, die Einfluss nimmt, aber das muss nicht der biologische Vater sein. In meinem Freundeskreis gibt es Männer, die sich involvieren würden. Ich könnte mir jetzt auch andere Modelle vorstellen, zum Beispiel eine weniger aktive Vaterrolle oder eine Samenspende. Ich möchte aber schon wissen, wer der Mensch hinter dem Sperma ist. Ich will denjenigen erlebt haben.

„Viele Kinder zu haben, hat für mich Priorität.“ Junge

Christian ist Mitte 30 und hat seit langem eine Partnerin, gemeinsam haben sie zwei Kinder. Er möchte unbedingt weiteren Nachwuchs, sie nicht. Über Familyship fand er bereits eine potenzielle Co-Parenting-Mutter.

Die erste Begegnung mit dem Konzept

Ich hatte schon vor ein paar Jahren die Idee. Der Begriff war mir aber nicht geläufig und ich wusste nicht, dass es dafür Plattformen gibt. Also habe ich frei im Internet gegoogelt. Über Wortkombinationen habe ich mich angenähert und bin dann auf Familyship gestoßen. Vor zwei Jahren habe ich mich dort angemeldet.

Warum ich diesen Weg wähle

Meine Partnerin und ich haben zwei Kinder, sie sind sechs und eineinhalb Jahre alt. Ich habe schon angefangen, eine Mutter für das dritte Kind zu suchen, als das zweite noch auf dem Weg war. Ich wusste immer, dass ich noch mehr Kinder wollte, und da war auch schon klar, dass meine Freundin keine weiteren Kinder möchte. Das ist bei ihr wirklich hundert Prozent sicher. Das ist eine unumstößliche Entscheidung, die sich verfestigt, je älter die Kinder werden. Das Leben ohne kleine Kinder hat eben viele Vorzüge. Über dieses Modell versuchen wir jetzt, einen Kompromiss zu finden. Sie ermöglicht es mir, meinen Wunsch nach einer größeren Familie zu erfüllen.

 
„Also ich glaube, so in fünf Jahren würde ich das nicht mehr machen. Jetzt passt das besser.“

Warum jetzt?

Mit der Zeit wird man bequem. Je länger ich in dieser Situation mit nur zwei Kindern bliebe, umso mehr würde ich mich fragen, warum ich mir den Stress jetzt nochmal geben soll. Die Kinder sind beide schon relativ groß. Der Kleine fängt jetzt langsam an zu sprechen, da muss man nachts nicht mehr aufstehen. Also ich glaube, so in fünf Jahren würde ich das nicht mehr machen. Da sind die Kinder beide schon so alt, da kann man alles mit denen machen. Dann noch ein kleines Kind dazu … nee, das würde ich mir viel, viel stärker überlegen. Jetzt passt das besser. Ich habe noch die Energie und traue mir das zu. Ich will nicht mehr länger warten. Ich fände es cool, mit drei Kindern Zeit zu verbringen und was zu unternehmen. Ich stelle es mir nicht stressiger vor, ob ich jetzt zwei Kinder hab oder drei, das macht nicht so einen Unterschied. Es war für mich immer schon klar, dass ich gerne viele Kinder haben möchte, das hatte schon immer eine große Priorität für mich.
Das gehört für mich eben irgendwie zum Leben dazu. In den letzten Jahren ist das sehr in den Vordergrund gerückt und ich bin froh, wenn es dann irgendwann wieder in den Hintergrund rückt und mich gedanklich nicht mehr so beschäftigt wie die letzten Jahre. Es kommen dann ja wieder andere Lebensphasen. Aber gerade ist Zeit, dass es passiert.

Was ich auf Familyship suche

Das ist natürlich stark von der Konstellation abhängig, mein Denken hat sich da in den letzten zwei Jahren ziemlich verändert. Am Anfang dachte ich, der optimale Weg wäre ein Kind mit einem lesbischen Pärchen. Das hat sich aber als schwierig herausgestellt, weil die in den meisten Fällen nicht wollten, dass man die Vaterschaft anerkennt. Man hat also keine Rechte, das war für mich ein Ausschlusskriterium. Dann dachte ich, dass jüngere Frauen interessanter sind, weil sie andere Motive haben als Frauen Ende 30. Bei den älteren Frauen war ich mir nicht sicher, ob die wirklich hinter diesem Modell stehen oder ob es nur eine Notlösung ist. Ich habe mich einige Male mit einer 30-Jährigen getroffen. Die war sich dann aber doch nicht sicher, ob sie das möchte. Sie hätte ja noch so viele Jahre, in denen sie sich das überlegen könne. Bei vielen überwiegt dann eben doch der Wunsch, das in einer klassischen Partnerschaft zu machen, wo man alles hat. Es ist natürlich viel komplizierter, wenn man das voneinander trennt.

„Bei älteren Frauen war ich mir nicht sicher, ob sie hinter dem Modell stehen oder ob es nur eine Notlösung ist.“

Welche Rollen gibt es?

Aktiver Elternteil: Männer/Frauen, die eine aktive Rolle in der Erziehung eines Kindes einnehmen möchten. In diesem Modell verbringen beide Elternteile regelmäßig Zeit mit dem Kind.

Vater mit Onkelfunktion/Mutter mit Tantenfunktion: Männer/Frauen, die nur eine Nebenrolle bei der Erziehung des Kindes einnehmen möchten. Der Lebensmittelpunkt liegt beim anderen Elternteil, der Vater/die Mutter sieht das Kind nur in unregelmäßigen Abständen.

Yes-Samenspender: Männer, die Frauen mit einer Samenspende helfen möchten, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. „Yes“ heißt: nicht anonym. Das Kind kann also seinen biologischen Vater kennenlernen.

So läuft der Kontakt

Seit einem halben Jahr bin ich in Kontakt mit einer Frau. Wir sind uns über die wesentlichen Dinge einig und sind jetzt dabei zu zeugen − einmal haben wir es schon probiert. Sie wohnt 70 Kilometer weg. Das Kind wird hauptsächlich bei ihr leben und ich werde es dann öfter über das Wochenende haben. Der Plan ist, dass ich es regelmäßig sehe und in meine Familie integriere, sobald es alt genug dafür ist. Das Kind soll auch in unsere Familienurlaube mitkommen, das sind dann die Zeiten, wo man länger am Stück mit dem Kind zusammen sein kann. Optimal wäre es natürlich, wenn man im selben Stadtteil oder zumindest in derselben Stadt wohnen würde, damit beide die gleiche Möglichkeit haben, am Alltag des Kindes teilzuhaben. Aber so jemanden zu finden, bei dem es dann noch menschlich passt, wäre ein Sechser im Lotto. Die Frau ist 39 und hatte schon mehrere Partnerschaften. Sie hat schon länger den Kinderwunsch, aber jetzt keinen Partner und hat daher angefangen, nach einer Plattform zu suchen. Wir werden uns das Sorgerecht teilen, sind dann beide mit allen Pflichten und Rechten dabei und können uns gegenseitig unterstützen. Der rechtliche Prozess ist wie bei einem unverheirateten Paar, man muss die Vaterschaft anerkennen lassen. Damit ist man verpflichtet, Unterhalt zu zahlen. Ich finde, wenn man das macht, muss man der Verantwortung gerecht werden und dem Kind das Materielle bieten können. Man sollte das nicht alles auf die Frau abwälzen.

Was meine Freundin dazu sagt

Für meine Freundin ist das okay, wenn dadurch nicht viel mehr Aufwand für sie entsteht. Ich werde die Verantwortung haben und sie wird sich mehr rausziehen. Es wird eine Trennung zwischen meiner Familie und der anderen Frau geben. Das Kind ist dann bei ihr oder bei uns. Meine Freundin und die Frau haben sich schon kennengelernt. Wir haben uns einen Nachmittag getroffen und mehrere Stunden miteinander verbracht, die Kinder waren auch dabei. Meine Partnerin hat mitentschieden, ob das mit der Person überhaupt akzeptabel für sie ist.

Vorherige Erfahrungen mit Familyship

Ich habe mich nicht mit vielen Frauen getroffen. Am Anfang habe ich oft über diese Plattform kommuniziert. Doch das fand ich dann irgendwann ziemlich nervig, weil es sehr unverbindlich ist und oft kein Treffen zustande kam. Über die Zeit bin ich dann dazu übergegangen die Frauen schneller zu fragen, ob wir uns treffen wollen.Über die Plattform kontaktieren die Frauen eher die Männer. Es ist ein größeres Commitment für die Frau, deswegen denke ich, es ist gut, wenn sie den ersten Schritt geht. Ich habe sehr viele Kontaktanfragen bekommen, habe aber die wenigsten als relevant erachtet, weil sie zu weit weg waren. Ich weiß nicht, wie jemand, der über 800 Kilometer entfernt wohnt, sich das praktisch vorstellt. Es wäre schon ein Megaakt ein Treffen zu organisieren, geschweige denn, ein Kind zusammen zu haben.

„Es würde mich interessieren, wie viele Kinder wirklich über diese Plattform zum Leben kommen.“

Ich frage mich sowieso bei vielen, die da angemeldet sind, inwieweit das durchdacht ist oder ob es nicht eher ein „Ich guck mir das mal an“ ist. Es würde mich sehr interessieren, wie viele Kinder wirklich über diese Plattform zum Leben kommen. Von der Kommunikation her scheint mir das alles sehr unverbindlich. Ich habe keine Erfahrung mit anderen Plattformen, als die Online-Dating-Zeit begann, war ich schon lange in einer Beziehung. Aber ich denke, das wird auf anderen Plattformen ähnlich sein. Richtig bedeutend ist es erst, wenn man jemanden trifft. Dann hat das Ganze eine Ernsthaftigkeit.

 

Worauf ich achte

Die Treffen sind schon anders, als wenn man sich sonst kennenlernt, weil man gleich über so bedeutende Dinge spricht. Es ist nicht viel Vorgeplänkel, sondern es geht gleich darum, warum man sich eigentlich kennenlernt und was für Vorstellungen man in Bezug auf Kinder hat. Die Themen sind gleich beim ersten Treffen auf dem Tisch. Man sollte über Werte reden. Wichtig für mich sind Ehrlichkeit und Vertrauen. Man muss sich darauf verlassen, dass immer das Kind im Mittelpunkt steht, dass beide alles dafür tun, dass es ihm gut geht, auch wenn man sich nicht mehr gut versteht, und nicht ihre eigenen Befindlichkeiten über das Kind stellen. Man muss Verständnis füreinander entwickeln, damit man begreifen kann, warum der andere ist, wie er ist, warum er etwas macht und warum ihm etwas wichtig ist. Das ist wichtiger als die religiöse Einstellung oder so. Beide geben dem Kind was mit und das gleicht sich dann irgendwo aus.
Es gibt sicher Personen, bei denen ich denke, das geht gar nicht, was du denkst. Aber auf solche bin ich nicht getroffen. Man kriegt durch das Profil und Schreiben schon eine Ahnung, was für einen Hintergrund jemand hat, und ich glaube, da filtert man schon vorher raus.

„Vielleicht sucht man sich jemanden, der so aussieht, wie man sich seine Kinder vorstellen könnte.“

Die Rolle des Aussehens

Äußerlichkeiten waren mir schon wichtig, irgendwo musste die Frau schon ein bisschen attraktiv für mich sein. Ich glaube, das ist jedem unterbewusst wichtig. Bei der Partnerwahl ist es ja auch so, dass man irgendwann vielleicht mal Kinder hat und dass man sich jemanden danach aussucht. Man gibt ja seine Gene weiter und will nicht mit jedem Kinder machen. Vielleicht sucht man sich jemanden, der aussieht, wie man sich eher seine Kinder vorstellen könnte, so in die Richtung. Außerdem wäre eine Frau Mitte 40 für mich gar nicht gegangen, weil da so viel Stress dranhängt, ob das überhaupt noch funktioniert, und die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwas mit dem Kind sein könnte, erhöht ist.

So reagiert mein Umfeld

Ich tausche mich sehr viel im Freundeskreis aus und gehe sehr offen damit um. Was Familie und bestimmte Rollenbilder angeht, hängt da ganz viel mit dran. Familie wird noch sehr nach traditionellen Vorstellungen gesehen. Es ist interessant, wie die Leute auf das Thema reagieren, weil die meisten sich das nicht vorstellen können und erstmal ein Abwehrmechanismus kommt. Es werden viele praktische Gründe vorgeschoben, warum das nicht gut wäre, hinter denen aber Normativität steckt.

„Wenn ein Kind kommt, kann man nicht vorhersehen, wie sich das entwickelt. Das gilt aber bei jeder Beziehung.“

Viele sind der Meinung, dass das nicht gut gehen kann. Entweder, weil Emotionen aus der Beziehung zur Mutter des Kindes entstehen, die dann das Gesamtkonstrukt negativ beeinflussen. Oder weil man das mit jemandem macht, den man fast gar nicht kennt. Das gilt meiner Meinung nach aber bei jeder Beziehung: Wenn ein Kind kommt, kann man nicht vorhersehen, wie sich das entwickelt. Es stimmt schon, dass man die Person nicht so gut einschätzen kann, wenn man sich nur zehnmal getroffen hat und das immer in einem bestimmten Kontext. Aber ich denke, es ist sehr viel Intuition dabei. Man braucht schon Vertrauen, dass sich alles positiv entwickelt und das habe ich.

„Es ist gut, dass das alles so gekommen ist.“

 

Was in den letzten Monaten geschah

Ein paar Monate später: Die Geschichte mit der Frau, mit der ich es bereits einmal versucht habe, pausiert. Aufgrund eines persönlichen Schicksalsschlages wollte sie die Sache erstmal nicht weiterverfolgen. Wir sind so verblieben, dass sie sich jederzeit melden kann, wenn klar ist, was sie will, aber dass es dann natürlich sein kann, dass es für mich nicht mehr in Frage kommt. Im Moment wäre das so, denn es hat sich bei mir im Bekanntenkreis überraschend etwas Neues ergeben: Es gibt da eine Frau, sie ist Ende 30 und Single. Wir haben uns vor ein paar Jahren beim Sport kennengelernt und dann ab und zu privat getroffen. Wir haben einen gemeinsamen Bekanntenkreis.

„Es hat sich überraschend etwas Neues ergeben.“

Ich habe ihr vor zwei Jahren schon mal von meinem Plan mit dem Co-Parenting erzählt, damals, als ich angefangen habe mit diesem Projekt. Sie war neugierig, hat aber nie gesagt, dass das für sie in Frage kommt. Wir hatten uns länger nicht gesehen, dann sind wir uns bei einer Weihnachtsfeier begegnet. Dort hat sie gesagt, dass sie mich gerne mal treffen würde, und da habe ich mir schon gedacht, vielleicht geht’s darum. Bei dem Treffen hat sie mir dann erzählt, dass sie gern ein Kind bekommen möchte. Und dann habe ich direkt gesagt, ja, ich würde es machen.
Sie war überrascht, denn als ich das letzte Mal mit ihr darüber geredet habe, habe ich noch anders gedacht. Damals wollte ich keine Frau Ende 30. Ich habe sie damals erst auf die Idee gebracht, dass man als Frau ohne festen Partner ein Kind bekommen kann. Als ich ihr das damals erzählt habe, hat sie glaub ich noch nicht an Co-Parenting gedacht. Das hat sich erst über die Jahre und mit dem Alter − jetzt oder nie − so entwickelt. Dann haben wir uns öfter getroffen und besprochen, was da alles dran hängt, was wichtig ist, was auf einen zukommt, und haben gemeinsam überlegt. Es soll in wenigen Monaten losgehen. Sie hat noch ein paar Bedenken wegen der Arbeitsstelle und wann der optimale Zeitpunkt ist. Ich hoffe, ich kann sie davon überzeugen, schneller anzufangen.

So soll es weitergehen

Ich finde die Entwicklung prima, denn die neue Konstellation hat viele Vorteile. Die Frau wohnt in meiner Stadt und wir kennen uns schon ein bisschen länger. Sie ist sehr natürlich und hat sich das ziemlich gut überlegt. Es passt auch mit meiner Freundin. Vorher kannten sich die beiden nur vom Sehen, jetzt haben sie sich kennengelernt, intensiver miteinander geredet und verstehen sich gut. Meine Freundin möchte sich mit ihr anfreunden. Das Kind soll später mehrere Tage am Stück bei meiner Bekannten und dann mehrere Tage am Stück bei mir sein und die Wochenenden auch abwechselnd einmal so, einmal so. Aber eher ein bisschen flexibel, dem Alltag angepasst, nicht das ganze Jahr durchgeplant. Vom Grundsatz her gleich verteilt, aber erst wenn das Kind ungefähr ein Jahr alt ist. Meine Freundin findet das ziemlich gut. Es gefällt ihr besser als die vorherige Option, weil die Frau besser passt, es ist ein bisschen lockerer. Die Frau, die ich über Familyship kennengelernt hatte, war nicht ganz unkompliziert, dann noch die Distanz dazu, es wäre wahrscheinlich schwieriger gewesen, das zu organisieren. Ich bin dann nicht so weit weg, die Fahrtwege entfallen und es ist leichter für mich, alle drei Kinder zu haben.

„Ich war so darauf fixiert, ein Kind zu haben, dass ich Abstriche gemacht habe.“

Irgendwie ist das schon Schicksal. Diese neue Konstellation hätte sich nicht ergeben, wenn die andere Frau nicht abgesprungen wäre. Ich war schon ziemlich drauf fixiert, ein Kind zu haben, und habe dann Abstriche gemacht. Die Familyship-Frau hatte zum Beispiel starke Bedenken, was das Impfen angeht. Sie dachte, dass man aus der Natur heraus heilt, und hatte eine gewisse Anfälligkeit für die „alternativen Fakten“ zu diesem Thema. Bei einem gemeinsamen Kind muss man dann ja Entscheidungen treffen. Ich wäre wahrscheinlich den Weg mitgegangen nicht zu impfen, aber ich wäre nicht dahinter gestanden. Auch die Empfängnis sollte nur an einem ganz bestimmten Tag stattfinden, weil sie irgendwas Spirituelles damit verband. Dadurch haben sich manche Treffen nicht ergeben, weil das Karma da schlecht war.

Ist bei drei Kindern Schluss?

Wer weiß, das kann ich nicht sicher sagen. Ich wäre, glaube ich, nach Kind drei ein gutes Stück entspannter und würde nicht mehr so unbedingt noch ein Kind machen wollen. Ich weiß ja noch gar nicht, wie anstrengend das alles wird, wie leicht sich das organisatorisch alles handhaben lässt, die Dreierkonstellation mit meiner Familie und der Bekannten und dann vielleicht nochmal irgendwann einem Partner von ihr …

Vielleicht sag ich dann sowieso, das ist mir alles zu anstrengend, das mach ich auf
keinen Fall nochmal.