Dicke Backen machen

Fachkräftemangel überall — auch in der Blasmusik? Eine Spurensuche bei der Kapelle Harmonie Neubiberg.

Text: Sebastian Stamm

Fotografie: Simon Koy

Verein: Musikverein Harmonie Neubiberg e.V


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Dieser Artikel erschien zuerst in der EVAU Nr1.

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Blasmusik — das schmeckt für mich nach Bier, riecht nach Land oder Festzelt und fühlt sich wie ein Dorf an. Und irgendwie denk ich auch an die Wörter „gemütlich“ und „gesellig“. So viel zum Vorurteil, nun zur Wirklichkeit: In der Arastraße in Neubiberg bei München strahlt die Sonne auf den Parkplatzasphalt. Unter blauweißem Himmel steuere ich ein zweistöckiges Bürogebäude an, dessen Aussehen man sofort wieder vergisst.

Hier hat die Blaskapelle Harmonie Neubiberg ihren Proberaum, der den Charme, nun ja, eines Büroraums eben ausstrahlt. Die Gemütlichkeit hat sich in den hinteren Raum zurückgezogen: auf eine Eckbank. An der Wand dahinter künden Bilder von einem fröhlichen Vereinsleben — Fotos von Auftritten und Ausflügen, ein altes Plakat. Es stapeln sich Bierkästen und der Kühlschrank brummt, auf dem ein Zettel klebt: „Heute Freibier“. Hier sitzen zwei Musiker und warten auf den Probenbeginn um sieben Uhr. Und ja, sie haben graue Haare.

Das bestätigt natürlich sofort mein Vorurteil, dass bayerische und böhmische Blasmusik, auf die sich der Verein spezialisiert hat, doch eher etwas für ältere Menschen ist. Aber nur für kurze Zeit. Dann betritt ein junger Mann den Raum und packt seine Klarinette aus. Kirin ist 21, wie er mir später in der Pause verrät. Nach und nach füllt sich der Büro-Proberaum, eine Glückwunschkarte kreist und wird unterschrieben. Insgesamt 19 Musiker, darunter fünf Frauen, sitzen am Ende auf den Stühlen. Von Anfang 20 bis Anfang 80 ist jedes Alter vertreten.

DIE PROBE BEGINNT

Heute dirigiert ausnahmsweise Kerstin, 36 Jahre alt. Der erste Dirigent ist auf einer Fortbildung, also darf sie den Taktstock schwingen. Die Qualifikation dazu hat sie sich erst kürzlich beim Stabführerlehrgang erarbeitet. Eine junge Frau als Nachwuchsdirigentin einer Blaskapelle? Meine ersten Klischees lösen sich auf. 

Kerstin gibt ein Signal und schon erfüllt ein tiefer, erdiger Klang den ganzen Raum. Gemächlich arbeiten sich die Bläser die Tonleiter nach oben — Aufwärmübungen eben. „Da kommt der, der immer zu spät kommt“, ruft jemand während einer Unterbrechung. Der Trompeter Tobias ist gemeint, der gerade durch die Tür schreitet.

„In Harmonie vereint“ heißt das erste Stück, das an diesem Abend gespielt wird. Die Musiker werden munter. Muss man die Musik wirklich lieben, um dabei zu sein? „Mir gefällt vor allem das Musizieren in der Gruppe, sonst höre ich eigentlich keine Blasmusik“, sagt Eleonore später in der Probenpause. Sie spielt wie ihr Sitznachbar Kirin Klarinette und zählt mit ihren 21 Jahren bereits zu den erfahrenen Musikern: Schon seit acht Jahren ist sie dabei. Der damalige Dirigent wohnte in der Nachbarschaft und rekrutierte sie für den Verein.

Kirin ist hier, weil sein Vater ihn für den Verein begeisterte. Der erste Marsch des Abends ertönt. Kerstin ruft eine Anweisung in die Runde: Die Musiker sollen sich während des Spiels immer wieder gegenseitig anschauen. Eine Trockenübung sozusagen, denn wenn sie wirklich marschieren, ist der Blick zur Seite wichtig, damit alle in Formation bleiben. Manchmal trifft sich der Verein auf der ehemaligen Start- und Landebahn des Fliegerhorsts Neubiberg und übt das Marschieren mit Musik.

IN DER PAUSE

„Früher spielten viele vom Luftwaffenmusikkorps hier im Verein“, sagt Toni, Kirins Vater. Doch 2014 wurde das Korps aufgelöst, einige Musiker fielen weg, der Verein, so Toni, ging durch ein Tal. Ist es schwierig, neuen Nachwuchs zu finden? Toni wägt ab: Ja, es sei schon schwieriger, junge Leute zu motivieren. Einerseits. Anderseits sei es eben auch so, dass die Jüngeren eher zu den großen Vereinen strömen, die den Nachwuchs selbst ausbilden.

Trotzdem: „Die Harmonie Neubiberg verjüngt sich gerade. Wir sind auf einem guten Weg!“ Er selbst trug dazu bei, indem er seinen Sohn Kirin in den Verein holte. Für Toni bedeutet das gemeinsame Musizieren: abschalten. Er ist Risikomanager in einer Bank. „Beim Musizieren kann man sich einfach auf nichts anderes konzentrieren, dann denkt man nicht mehr an die Arbeit. Da ist man ganz auf die Noten und den Ton fokussiert.“

Über seine Arbeit muss sich Adolf schon länger keinen Kopf mehr machen. Mit 80 Jahren ist er das älteste Vereinsmitglied. Trotz seines hohen Alters ist er immer noch ein bisschen der Nachwuchsmusiker hier, denn erst mit 60 lernte er, die Klarinette zu spielen. Früher fuhr er als Schiffskoch zur See und hat viel von der Welt gesehen. Adolf kann schon verstehen, dass junge Menschen ihre Freizeit nicht unbedingt mit 70jährigen verbringen möchten, aber hier sei die Mischung gut. „Die Kapelle steht super gut da!“

DIE FUCHSBAUPOLKA

Die Pause ist vorbei, doch bevor es weitergeht, lüftet sich mir noch das Geheimnis um die herumgereichte Glückwunschkarte. Sie ist für Ewald, den Schlagzeuger, zu seiner goldenen Hochzeit. Rafal, der erste Vorsitzende, überreicht die Karte und teilt noch Noten aus. Die hat er gerade per Mail vom Musikbund von Ober- und Niederbayern, kurz MON, bekommen und ausgedruckt. Es sind die Stücke für den Auftritt anlässlich des Kirchenfests Patrona Bavariae in München. Das wird nun geübt.

Die Harmonie Neubiberg tritt häufig auf, rund dreißigmal im Jahr. Den Spielkalender bestimmten Kirchenund Volksfeste. Der Höhepunkt ist der Auftritt im Traditionszelt auf der „Oiden Wiesn“. „Wir spielen aber auch auf anderen Festen und einmal im Jahr geben wir ein Konzert“, sagt Rafal. Er ist gebürtiger Pole und spielte schon in seinem Heimatort Annaberg in Oberschlesien in einer Blaskapelle. Flügelhorn ist sein Instrument. Als der Elektroniker 2009 nach München zog, suchte er nach einem Verein und stieß auf die Harmonie Neubiberg. Seit 2014 leitet er den Verein.

Zum Schluss darf sich Ewald ein Stück wünschen. Er entscheidet sich für die „Fuchsbaupolka“, die so klingt, wie sie heißt. Nach dem letzten Ton noch der Hinweis auf die nächste Probe, danach leert sich der Raum rasch. Eine kleine Runde steht noch beisammen. 

„In der Vereinsgeschichte gab es immer ein Auf und Ab. Gerade geht’s nach oben. Es hängt auch immer sehr stark vom Dirigenten und Vorsitzenden ab, ob man neue Leute gewinnen kann“, sagt Jürgen. Er muss es wissen, er ist der Dienstälteste. Seit 28 Jahren spielt er schon bei der Harmonie.

Tobias, der, der immer zu spät kommt, ist noch in einer anderen Blaskapelle aktiv. „Viele spielen gleich in mehreren Vereinen und die sind untereinander auch sehr kooperativ.Man hilft sich aus, wenn Musiker ausfallen, und hört sich auch die Konzerte der anderen an.“ Um Nachwuchs zu gewinnen, sei die Qualität entscheidend. „Die Jungen kann man nicht mit eintöniger Biergartenmusik begeistern.“

Dem stimmt Dirigentin Kerstin zu: „Anspruchsvolle und moderne Blasmusik, bei der sich die einzelnen Instrumente entfalten können, das findet Zustimmung auch bei den Jüngeren.“ Moderne Blasmusik?

„Ja, es gibt zeitgenössische Komponisten wie zum Beispiel den Niederländer Jacob de Haan, die richtig tolle, vielstimmige Stücke komponieren.“ Tobias: „Wenn die Eltern sehen, da wird gute Musik gemacht, dann motivieren sie ihre Kinder auch, ein Instrument zu lernen.“

Rafal, der erste Vorsitzende, unternimmt da schon was in dieser Richtung: „Im Herbst planen wir einen Tag der offenen Tür. Da können Familien kommen und die Instrumente ausprobieren.“

Der Heimweg

Auf dem Heimweg überlege ich, welchen Eindruck ich jetzt eigentlich habe. Vor allem den hier: Resignation konnte ich nirgendwo sehen. Eher herrschte Aufbruchstimmung. Und auch Gelassenheit. Vermutlich zu Recht, schließlich gibt es den Verein schon seit 1930. Und Bayern ohne Blasmusik? Das wäre ohnehin undenkbar. Oder ist das auch wieder nur ein Klischee? Während ich so durch die Münchner Frühlingsnacht gehe, schwirren mir Sequenzen der „Fuchsbaupolka“ durch den Kopf.

Dieser Artikel erschien zuerst in der EVAU Nr1.

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